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Nachhaltigkeit

Können Profis von Hobbygärtnern lernen?

Der Gemüseanbau im eigenen Garten gilt vielen als Inbegriff nachhaltigen Handelns. Eine Studie der Fachhochschule Erfurt zeigt jedoch: Die ökologische Bilanz ist differenzierter zu betrachten. Teilweise schneidet der Hobbyanbau schlechter ab als die professionelle Produktion.

von Cora Bihl, Johannes B. Grote und Prof. Dr. Paul Lampert erschienen am 04.04.2026
Systemgrenzen des privaten Gemüseanbaus. Die erhobenen Prozesse sind weiß hinterlegt. © FH Erfurt
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Die öffentliche Wahrnehmung stellt den Anbau von Gemüse im eigenen Garten oft als Idealbild der Nachhaltigkeit dar – unverpackt, regionaler geht es nicht und scheinbar umweltfreundlich. Doch ist das Bild des stets nachhaltigen Hobbygartens haltbar? Eine Masterarbeit der Fachhochschule Erfurt hat sich dieser Frage wissenschaftlich genähert und den Gemüseanbau (Tomaten und Salat) von Hobbygärtnerinnen und -gärtnern über eine Saison hinweg detailliert untersucht. Die Ergebnisse dieser Masterarbeit, die ökologische, ökonomische und soziale Aspekte verglich, liefern interessante Erkenntnisse, die auch für professionelle Gartenbaubetriebe relevant sein können.

Anbau von bunten Salaten im Hochbeet einer Teilnehmerin.
Anbau von bunten Salaten im Hochbeet einer Teilnehmerin. © FH Erfurt

Ein empirischer Blick in den privaten Anbau

Das Ziel der Arbeit war es, die Nachhaltigkeit des Gemüseanbaus am Beispiel von Tomate und Salat in Privatgärten mit der professionellen Produktion zu vergleichen. Dreizehn Hobbygärtnerinnen und -gärtner dokumentierten hierfür über eine Saison ihre Anbaumethoden, die eingesetzten Materialien, anfallende Kosten, ihren Arbeitszeitaufwand und die geernteten Mengen. Die Wahl der Anbauform war den Hobbygärtnerinnen und -gärtnern freigestellt, wodurch sich in der Studie verschiedene Varianten ergaben. So wurde Gemüse im Bodenbeet, im Hochbeet, in Kübeln und im Gewächshaus kultiviert. Die erhobenen Daten wurden sowohl qualitativ in Form von Fallstudien als auch quantitativ mittels CO2e-Bilanzen (Erklärung siehe Kasten) und Kostenanalysen ausgewertet.

Information Was sind CO2e-Emissionen?

Das CO2-Äquivalent ist eine Maßeinheit, die es ermöglicht, die Klimawirkung verschiedener Treibhausgase auf Basis ihres Global Warming Potentials (GWP) mit der von CO2 zu vergleichen. Hierdurch ist eine einheitliche Bewertung der Klimaeffekte unterschiedlicher Treibhausgase (CO2, Methan, Lachgas und so weiter) möglich. Durch die Berechnung von CO2-Äquivalenten kann der Gesamteffekt von Treibhausgasemissionen auf den Klimawandel besser verstanden und verglichen werden. Die Verwendung des CO2-Äquivalents hilft bei der Entwicklung effektiver Strategien zur Reduktion der globalen Treibhausgasemissionen.

Ökologische Bilanz: Breite Spanne und entscheidende Faktoren

Eine zentrale Erkenntnis der Studie lautet: Gemüse aus Privatgärten ist nicht per se nachhaltiger als professionell erzeugtes Gemüse. Auch die Ergebnisse zwischen den einzelnen Hobbygärten wiesen bei den berechneten CO2e-Bilanzen pro Kilogramm verzehrbarer Tomaten oder pro Stück verzehrbarem Salat erhebliche Unterschiede auf.

Als Hauptverursacher für die CO2e-Emissionen im privaten Anbau identifizierte die Studie insbesondere den Einsatz von Substraten und den Transport der eingekauften Materialien und Jungpflanzen.

Die Klimabilanz von Substraten ist stark von ihren Bestandteilen abhängig. Dabei verursacht der enthaltene Torf mit 350 kg CO2e/m³ die höchsten Emissionen, während Torfersatzstoffe wie Grüngutkompost (90 kg CO2e/m³) oder Holzfasern (9,5 kg CO2e/m³) deutlich darunter liegen. In der untersuchten Hobbygärtner-Gruppe wurde überwiegend torffreies Substrat eingesetzt. Die eigene Kompostierung von Gartenabfällen wurde in der Bilanz mit einem Näherungswert von 65 kg CO2e/m³ berücksichtigt und hat das Potenzial, Emissionen gegenüber gekauftem Kompost zu reduzieren.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Studie verwendeten hauptsächlich organische Düngemittel. Die dokumentierten Nährstoffgaben zeigten jedoch eine starke Varianz zwischen den Teilnehmern. So verwendeten einige Studienteilnehmer gar keinen Dünger und bauten nur im vorhandenen Gartenboden an, während andere die theoretisch optimale Düngemenge um das Zehnfache überschritten. Dies deutet auf ein fehlendes, einheitliches Know-how bei der Düngung hin und birgt Überdüngungsrisiken. Die Emissionen aus der Düngerproduktion und -nutzung wurden ebenfalls bilanziert, waren aber in keiner Fallstudie der höchste Emissionsfaktor – auch nicht bei einer starken Überschreitung der optimalen Nährstoffmengen. Die benötigten Wassermengen pro Stück Salat schwankten ebenfalls erheblich zwischen den Teilnehmern.

Über die Saison traten bei den Hobbygärtnerinnen und -gärtnern Probleme mit Schädlingen (hauptsächlich Schnecken) und Pilzkrankheiten auf. Dieses Problem führten viele Teilnehmer auf den nassen Sommer zurück. Obwohl die unterschiedlichen Schaderreger in einzelnen Gärten zu erheblichen Ausfällen führten, setzte keiner der Teilnehmerinnen und Teilnehmer zur Bekämpfung ein Pflanzenschutzmittel ein. Einige griffen zur Reduktion des Schneckenfraßes auf mechanische Maßnahmen wie Kupferband zurück.

Im Hinblick auf die Ökobilanz erwies sich die Erntemenge als maßgeblicher Faktor für die CO2e-Bilanz pro Ertragseinheit. Eine hohe Ernteleistung pro Fläche und eingesetztem Material verteilt die Emissionen auf eine größere Produktmenge und verbessert so die Bilanz deutlich. Niedrige Erträge führten dementsprechend zu sehr hohen CO2e-Werten pro kg oder Stück.

Im Vergleich zu professionellen Produktionssystemen zeigen die Ergebnisse, dass die CO2e-Werte pro Ernteeinheit (kg Tomaten oder Stück Salat) in den untersuchten Privatgärten im Mittel über denen im professionellen Anbau liegen. Allerdings schwanken die Werte zwischen den einzelnen Fällen stark. So lagen sie in den Fallstudien für Tomaten zwischen 0,20 kg CO2e/kg (Bodenanbau) und 4,90 kg CO2e/kg (Hochbeet). Beim Salat lagen die Werte in den Fallstudien zwischen 0,62 kg CO2e/Stück (Sonderform Schubkarre) und 0,84 kg CO2e/Stück (Hochbeet). Zum Vergleich: Ein modernes, benzinbetriebenes Auto emittiert pro Kilometer 0,12 kg CO2e.

CO2e-Bilanz je Stück Salat aus dem Hochbeetanbau einer Teilnehmerin. Dargestellt sind die einzelnen Inputs (grüne Kreise) für die Prozesse „Einkauf“ und „Kulturführung“. Jeder produzierte Salat hat eine CO2e-Bilanz von 0,84 kg.
CO2e-Bilanz je Stück Salat aus dem Hochbeetanbau einer Teilnehmerin. Dargestellt sind die einzelnen Inputs (grüne Kreise) für die Prozesse „Einkauf“ und „Kulturführung“. Jeder produzierte Salat hat eine CO2e-Bilanz von 0,84 kg. © FH Erfurt

Damit liegen die Werte der Hobbygärten in dieser Studie höher als die in der Literatur gefundenen Werte für die professionelle Produktion. So werden im Freiland-Tomatenanbau 0,01 kg CO2e/kg (bio) und 0,02 kg CO2e/kg (konventionell) emittiert (Scuderi et al. 2023). Diese Werte sind zehnmal so niedrig wie der beste Wert im Hobbyanbau (0,20 kg CO2e/kg). In mit Holzpellets geheizten Gewächshäusern liegen die Werte zwischen 0,40 und 0,70 kg CO2e/kg Tomaten.

Salat im Freilandanbau mit lokalem Verkauf emittiert etwa 0,10 kg CO2e pro Stück Salat. Der vertikale, hydroponische Anbau ist aufgrund des hohen Energiebedarfs für die künstliche Beleuchtung emissionsintensiver. Hier liegt der CO2e-Fußabdruck bei 2,8 kg CO2e/Stück Salat. Die Bilanz im professionellen Bereich hängt daher – wie im Hobbygarten – ebenfalls stark vom Anbausystem ab. Bei einem direkten Vergleich der Anbausysteme sind die CO2e-Emissionen im professionellen Anbau, vor allem wegen der höheren Gesamteffizienz, jedoch wesentlich geringer.

Ökonomische Betrachtung: Ein teures Hobby?

Auch aus ökonomischer Sicht zeigen die Hobbygärten starke Unterschiede bei den finanziellen Ausgaben pro Ertragseinheit. Im Durchschnitt lagen die Kosten in den untersuchten Privatgärten über denen der professionellen Produktion. Dieser Unterschied ist hauptsächlich auf die im Mittel geringere Ernteleistung zurückzuführen, über die sich die Kosten verteilen.

Der Aufwand an Arbeitszeit im Hobbygarten ist erheblich. Würde man diese Zeit zum Mindestlohn berechnen, lägen die „Kosten“ im privaten Anbau weit über denen des professionellen Sektors. Die Studie unterstreicht jedoch, dass Hobbygärtnerinnen und -gärtner Gartenarbeit primär als Freizeitgestaltung und nicht als wirtschaftliche Tätigkeit betrachten. Geld zu sparen, war für die meisten Teilnehmerinnen und Teilnehmer nicht die Hauptmotivation.

Soziale Nachhaltigkeit: mehr als nur Ertrag und Kosten

Die soziale Dimension der Nachhaltigkeit bezieht sich im Zusammenhang des Hobbygärtnerns vor allem auf das Wohlbefinden der einzelnen Personen. Gartenarbeit wird als beliebtes Hobby empfunden, verbunden mit Entspannung, Stressabbau, körperlicher Aktivität und der Nähe zur Natur. Gleichzeitig kann die Arbeit mit Pflanzen den Bezug zu Lebensmitteln und deren Produktion stärken.

Ein weiterer sozial relevanter Aspekt ist die Akzeptanz von Gemüse mit optischen Mängeln im Hobbygarten. Im Gegensatz zu den hohen ästhetischen Standards im Handel, die in der professionellen Produktion zu erheblichen Ernteverlusten führen können, wird solches Gemüse im eigenen Garten in der Regel problemlos verzehrt. Im privaten Bereich wird also tendenziell weniger Gemüse weggeworfen. Wie sich dies auf den Umgang und die Ansprüche gegenüber gekauften Lebensmitteln auswirkt, wurde allerdings nicht untersucht.

Was bedeutet das für professionelle Betriebe?

Die durchgeführte Studie liefert wichtige, datengestützte Einblicke, die das vereinfachte Bild des Hobbygartens als „per se nachhaltig“ hinterfragen. Daraus ergeben sich mehrere relevante Punkte für professionelle Gärtnerinnen und Gärtner:

Die Studie bestätigt indirekt die Stärken der professionellen Landwirtschaft und des Gartenbaus. Durch spezialisiertes Wissen, optimierte Prozesse und die Fähigkeit, hohe Erträge pro Flächeneinheit und Ressourceneinsatz zu erzielen, können im professionellen Anbau oft bessere ökologische und ökonomische Bilanzen pro Produkteinheit erreicht werden. Dies gilt insbesondere bei effizientem Einsatz von Wasser und Nährstoffen sowie kurzen Transportwegen zum Kunden. Hohe Ernteleistungen sind daher bis zu einem gewissen Punkt ein entscheidender Nachhaltigkeitsfaktor.

Die Studie bestätigt indirekt die Stärken der professionellen Landwirtschaft und des Gartenbaus

Zudem zeigt sich, dass Faktoren wie Substratwahl oder der Transport von Materialien im Hobbybereich erhebliche Umweltauswirkungen haben können. Diese Erkenntnisse lassen sich von professionellen Betrieben nutzen, um eigene Nachhaltigkeitsleistungen hervorzuheben. In diesem Rahmen können effiziente Ressourcennutzung, integrierter Pflanzenschutz, Kreislaufwirtschaft bei Substraten oder Nährstoffen, die Nutzung erneuerbarer Energien und die Vorteile der regionalen Vermarktung transparent kommuniziert werden.

Wichtige Aspekte der gärtnerischen Motivation sind Wohlbefinden, Naturkontakt und der Bezug zum Produkt. Finanzielle Aspekte sind für viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Studie sowohl beim Einkauf von Gemüse als auch beim privaten Gärtnern von untergeordnetem Interesse. Dieses Verständnis kann helfen, die Bedürfnisse und Erwartungen der Kunden besser zu bedienen und die Vorzüge des eigenen regionalen, frischen Angebots hervorzuheben.

Die im Hobbygarten gezeigte Akzeptanz von optischen Mängeln wirft die Frage auf, ob und wie professionelle Betriebe Wege finden können, optisch nicht perfekte, aber qualitativ einwandfreie Produkte stärker zu vermarkten, um Ernteverluste zu minimieren. Im professionellen Handel führen hohe Qualitätsstandards und ästhetische Anforderungen derzeit zu erheblichen Ernteverlusten (geschätzt 20–40 % in Europa), was sich negativ auf die CO2e-Bilanz des tatsächlich verkauften Gemüses auswirkt. Professionelle Betriebe könnten von der Hobbygärtner-Mentalität lernen, indem sie auch optisch weniger perfekte Ware stärker vermarkten (zum Beispiel über Direktverkauf, Hofläden oder Kistenabonnements) und so Ernteverluste sowie die damit verbundenen Emissionen reduzieren. Erste Initiativen waren in den letzten Jahren im Handel bereits zu beobachten, sind jedoch bislang nicht aus der Nische herausgetreten.

Professionelle Betriebe könnten von der Hobbygärtner-Mentalität lernen, indem sie auch optisch weniger perfekte Ware stärker vermarkten

Die durchgeführte Studie hat allerdings auch ihre Grenzen, beispielsweise wegen der geringen Teilnehmerzahl, dem Fokus auf zwei Kulturen in nur einer Saison sowie einer tendenziell biologisch orientierten Teilnehmergruppe, sodass die Ergebnisse nicht generalisiert werden können. Dennoch liefert sie wertvolle, datengestützte Argumente und Einblicke in die Nachhaltigkeit des privaten Gemüseanbaus im Vergleich zum professionellen Anbau. Für den professionellen Gartenbau kann sie eine Grundlage bieten, um die Nachhaltigkeitsdiskussion fundierter zu führen, gängige Klischees zu hinterfragen und die tatsächlichen Nachhaltigkeitsbeiträge der eigenen Arbeit selbstbewusst zu kommunizieren.

Quellen

Scuderi, A.; Timpanaro, G.; Cammarata, M. (2023): Analysis of global warming potential: Or-ganic vs. conventional tomatoes. In: Agricultural Economics (Zemedelská ekonomika) 69 (7), S. 267–275. DOI: 10.17221/104/2023-agricecon.

Autor:in
Cora Bihl
ist gelernte Gärtnerin und hat den Master Nachhaltiger Pflanzenbau in Forschung und Praxis an der FH Erfurt absolviert. Sie arbeitet nun bei der Beratung Gartenbau Reichenau/Bodensee GmbH.
Autor:in
Johannes B. Grote
ist gelernter Landwirt, hat an der FH Erfurt und der HTW Dresden Gartenbau studiert. Er beschäftigt sich derzeit an der FH Erfurt mit der Torfreduktion bei Gemüsejungpflanzen und promoviert an der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf.
Autor:in
Prof. Dr. Paul Lampert
beschäftigt sich an der FH Erfurt im Fachbereich Gartenbau in Lehre und Forschung mit dem Schwerpunkt Nachhaltigkeitsbewertung. Seine Forschungsgruppe arbeitet an der CO 2 -Bilanzierung gärtnerischer Produktionssysteme, insbesondere vor dem Hintergrund der Torfreduktion. Kontakt: paul.lampert@fh-erfurt.de
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