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Gespräch zur Verbandsarbeit

„Vertrauen ist die Grundlage“

Eva Kähler-Theuerkauf spricht über ihren Weg in den Gartenbau, die Bedeutung verlässlicher Verbandsarbeit und den wachsenden Druck auf Familienbetriebe. Im Gespräch wird deutlich: Steigende Kosten, Bürokratie, Fachkräftemangel und fehlende Planungssicherheit stellen die Branche vor strukturelle Herausforderungen – zugleich bleibt persönliches Vertrauen ein zentraler Faktor für Politik, Markt und Ehrenamt.

von Das Gespräch mit Eva Kähler-Theuerkauf und Christin Haack führte Christoph Killgus am erschienen am 01.05.2026
Gespräch in Oberhausen: Christin Haack, Eva Kähler-Theuerkauf und Christoph Killgus, Verlag Eugen Ulmer. © Lutz Fischer
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Beim Gespräch mit Eva Kähler-Theuerkauf, Präsidentin sowohl des Landesverbands Gartenbau Nordrhein-Westfalen als auch des Zentralverbands Gartenbau, am 18. März 2026 im Haus der Grünen Verbände in Oberhausen konnte Christin Haack, Hauptgeschäftsführerin des Landesverbands Gartenbau Nordrhein-Westfalen, ebenfalls dabei sein.

Vielleicht beginnen wir mit Ihrem eigenen Weg in den Gartenbau und ins Ehrenamt? Eva Kähler-Theuerkauf: Ja, das war tatsächlich kein klassischer Weg, zum Gartenbau kam ich eher wie die Jungfrau zum Kind. Ich habe ursprünglich eine Ausbildung zur Marketingkauffrau gemacht und bin dann durch die Ehe Teil eines Gartenbaubetriebs geworden. Von Anfang an war klar, dass ich mitarbeite. Mich hat das sofort fasziniert, weil ich viele Aufgaben gesehen habe und schnell merkte, dass mich diese Vielfalt reizt. Ich habe zunächst die klassischen kaufmännischen Bereiche übernommen: Finanzen, Organisation, Personal. Gerade das Thema Personal ist im Gartenbau nicht zu unterschätzen – von der Gewinnung über die Bindung bis hin zur Bewältigung saisonaler Spitzen. Damit verbunden sind viele Herausforderungen, die man als Außenstehender oft gar nicht sieht. Von dort aus bin ich immer tiefer in die betrieblichen Abläufe hineingewachsen. Man lernt mit der Zeit, wie komplex das gesamte System ist. Es geht nicht nur um Produktion, sondern um Genehmigungen, um Anforderungen von Behörden, um arbeitsrechtliche Themen. Damals, als ich anfing, Anfang der 1990er Jahre, waren Themen wie Arbeitsgenehmigungen oder der Umgang mit dem Arbeitsamt sehr präsent. Gleichzeitig kamen Marktanforderungen und bürokratische Aufgaben hinzu. Es wurde abgefragt, was produziert wird, und wie produziert wird, und das hatte direkte Auswirkungen auf die Produktionsplanung. Man rutscht so Schritt für Schritt immer tiefer hinein und ist irgendwann mittendrin. Unser Betrieb selbst hat sich in dieser Zeit stark verändert. Es war ein traditionsreicher Betrieb, der sich über Generationen entwickelt hat. Als ich eingestiegen bin, hatten wir noch ein klassisches Sortiment unter Glas, von Primeln bis Weihnachtssternen. Mit der Zeit haben wir uns immer weiter spezialisiert. Wir haben Kulturen herausgenommen, andere aufgebaut, haben Freilandflächen hinzugepachtet und schließlich ein klareres Produktionsprofil entwickelt. Am Ende waren wir stark in der Auftragsproduktion für den Lebensmitteleinzelhandel. Dieser Absatzweg bedeutet sehr klare Vorgaben. Wie muss die Ware aussehen, wann wird sie geliefert, wann wird sie nicht genommen? Es gibt Vertragsbedingungen, die greifen, wenn Lieferungen nicht eingehalten werden können – selbst wenn die Ursache in der Witterung liegt. Und gleichzeitig hat man es mit Saisonarbeitskräften zu tun und mit Faktoren, die man nicht vollständig steuern kann. Das ist ein System, in dem viele Dinge ineinandergreifen. Über die Jahre erlebt man sehr viel, auch ganz unterschiedliche Entwicklungen. Dann kennen Sie den wirtschaftlichen Druck sehr genau. Eva Kähler-Theuerkauf: Der Preisdruck ist seit Jahren ein zentrales Thema. Gerade die großen Marktakteure versuchen immer wieder, die Preise nach unten zu drücken. Gleichzeitig bleibt die Marge häufig nicht beim Erzeuger, sondern an anderer Stelle in der Wertschöpfungskette. Zudem steigen die Kosten. Gerade die Lohnentwicklung ist ein entscheidender Faktor. Der Mindestlohn trifft insbesondere Betriebe mit saisonalen Spitzen stark. Das betrifft den gesamten Gartenbau – egal ob Zierpflanzen, Obst oder Gemüse.
„Wir haben eine Situation, in der die Kosten steigen, während die Erlöse unter Druck stehen“ Eva Kähler-Theuerkauf
Wir haben eine Situation, in der die Kosten steigen, während die Erlöse unter Druck stehen. Das ist keine kurzfristige Entwicklung, sondern eine strukturelle Herausforderung, die sich durch die gesamte Branche zieht. Sie sind stark in der Verbandsarbeit engagiert. Wie kam es dazu? Eva Kähler-Theuerkauf: Das hat sich aus der Praxis heraus entwickelt. Ich habe mich ehrenamtlich engagiert und bei Versammlungen auch meine Meinung gesagt. Ich habe Dinge angesprochen, die mir nicht gefallen haben. Darüber wird man wahrgenommen. 2013 wurde ich angesprochen, ob ich mir vorstellen könnte, ein Amt zu übernehmen. Es gab eine Findungskommission, und ich wurde schließlich vorgeschlagen und 2014 gewählt – damals im Rheinland. Das war ein mutiger Schritt, das erste Mal eine Frau im Amt. 2016 kam die Fusion mit Westfalen. Das war gut vorbereitet, und ich wurde Präsidentin für Nordrhein-Westfalen. Seitdem bin ich mehrfach wiedergewählt worden. Jetzt wird es meine letzte Amtszeit in NRW sein. Es ist wichtig, dass man Verantwortung weitergibt und Raum für neue Entwicklungen schafft.
Politische Arbeit und Kontakte in Berlin: Anlässlich des Internationalen Frauentags 2026 überreichte ZVG-Präsidentin Eva Kähler-Theuerkauf Bundestagspräsidentin Julia Klöckner einen Blumengruß des deutschen Gartenbaus.
Politische Arbeit und Kontakte in Berlin: Anlässlich des Internationalen Frauentags 2026 überreichte ZVG-Präsidentin Eva Kähler-Theuerkauf Bundestagspräsidentin Julia Klöckner einen Blumengruß des deutschen Gartenbaus. © DBT/Stella von Saldern
Sie sind Verbandspräsidentin sowohl auf Landes- wie auf Bundesebene? Wie erleben Sie das Zusammenspiel zwischen Landesverband und Bundesebene? Eva Kähler-Theuerkauf: Der Unterschied ist sehr deutlich. Der Gärtner ruft beim Landesverband an, dort kennt man sich. Es besteht eine besondere Nähe, die insbesondere aus der persönlichen Beratung resultiert. Es geht um konkrete betriebliche Fragen: Arbeitsrecht, Genehmigungen, Bauvorhaben, Probleme mit Behörden. In Berlin dagegen geht es um die politischen Rahmenbedingungen. Dort entstehen die Gesetze, dort wird auf Bundes- und europäischer Ebene entschieden. Und dort ist es notwendig, die Themen so zu platzieren, dass sie überhaupt wahrgenommen werden. Ich sage immer: Das Herz ist in NRW und der Kopf ist in Berlin. Hier sind wir nah dran, hier können wir Dinge direkt zeigen. In Berlin müssen wir erklären, Beispiele liefern, Zusammenhänge erläutern, uns immer wieder in Erinnerung bringen. Die politische Ebene ist eine eigene Welt. Dort gibt es viele Themen gleichzeitig, viele Interessen. Es geht darum, sich Gehör zu verschaffen.
„Als Landesverband sind wir die Schnittstelle“ Christin Haack
Christin Haack: Als Landesverband sind wir die Schnittstelle. Wir transportieren die Themen aus den Betrieben nach oben und bringen gleichzeitig die politischen Entwicklungen zurück in die Praxis. Das ist ein kontinuierlicher gemeinsamer Prozess. Eva Kähler-Theuerkauf: Der Gärtner ruft nicht in Berlin an. Der ruft bei seinem Landesverband an. Aber gleichzeitig ist klar, dass viele Entscheidungen in Berlin getroffen werden. Viele sagen auch: Der ZVG ist wichtig, auch wenn man sich nicht täglich damit beschäftigt. Was motiviert Sie persönlich im Ehrenamt? Eva Kähler-Theuerkauf: Es ist unglaublich bereichernd! Man baut Netzwerke auf, man bekommt Informationen früher, man kann Dinge mitgestalten. Und man entwickelt sich auch persönlich weiter. Man lernt, vor Menschen zu sprechen, Position zu beziehen, Verantwortung zu übernehmen. Das verändert einen auch. Ich kann wirklich nur jedem empfehlen, sich einzubringen. Das muss nicht in diesem Umfang sein, aber schon ein Engagement im Kleinen bringt viel. Man tut es für die Gemeinschaft, aber auch für sich selbst. Ein großes Thema ist der Fachkräftemangel. Sie selbst sind Quereinsteigerin. Welche Rolle spielen Quereinsteiger heute? Eva Kähler-Theuerkauf: Eine sehr große Rolle! Entscheidend ist die Begeisterung. Wenn jemand Interesse zeigt und motiviert ist, dann wird kein Betrieb ihn wegschicken, ganz gleich, wie der berufliche Hintergrund ist. Wir können es uns heute nicht mehr leisten, zu selektiv zu sein. Der Blick muss offen sein. Gleichzeitig hat sich die Rolle des Arbeitgebers verändert. Wir sind heute diejenigen, die werben müssen. Gute Mitarbeiter ziehen weitere Mitarbeiter an. Wenn jemand zufrieden ist, spricht er darüber. Das ist ein wichtiger Faktor. Für Arbeitgeber geht es um Soft Skills. Wie gehe ich mit meinen Mitarbeitern um? Wie schaffe ich ein gutes Arbeitsumfeld? Wie binde ich Menschen langfristig? Viele Menschen suchen heute wieder Tätigkeiten, bei denen sie sehen, was sie tun. Gartenbau bietet genau das. Man sieht jeden Tag, was man schafft. Das kann auch eine Antwort auf die Unsicherheiten sein, die viele Menschen aktuell empfinden. Wie sehen Sie dabei das Thema Frauen im Gartenbau? Eva Kähler-Theuerkauf: Ich würde das gar nicht so stark auf den Gartenbau beziehen. Frauen sind in unserer Branche selbstverständlich tätig. Die Herausforderungen liegen eher in den allgemeinen Rahmenbedingungen. Ein großes Thema ist die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Wenn ich weiß, dass mein Kind gut betreut ist, kann ich auch engagiert arbeiten. Das ist entscheidend. Wir können es uns nicht leisten, auf gut ausgebildete Frauen zu verzichten. Deshalb müssen wir dort ansetzen. Netzwerke für Frauen sind sinnvoll, weil sie Austausch ermöglichen. Das Thema selbst geht über den Gartenbau hinaus. Wie wirksam sind Besuche von Politikern in Betrieben für die politische Arbeit? Lassen sich da Erfolge unmittelbar feststellen? Eva Kähler-Theuerkauf: Ein einzelner Termin bringt wenig. Man darf das nicht überschätzen. Das ist ein Baustein. Entscheidend ist, was danach passiert. Man muss nachfassen, den Kontakt halten, sich in Erinnerung bringen. Es geht um langfristige Beziehungen. Wenn Vertrauen entsteht, kann man auch kurzfristig reagieren, wenn es notwendig ist. Dann hat man direkte Ansprechpartner in der Politik. Christin Haack: Einladungen in Betriebe werden von den Abgeordneten auch gut angenommen – unabhängig davon, ob es um Landtags-, Bundestags- oder Europawahlen geht. Gerade in Nordrhein-Westfalen, mit dem Gartenbauschwerpunkt, können wir viele Betriebe und Produkte präsentieren, mit denen sich Abgeordnete gern zeigen und identifizieren. Ob die Inhalte im Detail immer vollständig erfasst werden, ist eine andere Frage. Entscheidend ist jedoch die Authentizität: Wenn Betriebsinhaber ihre Situation unmittelbar schildern, wird sehr deutlich, wo die tatsächlichen Herausforderungen liegen.
„Während der Corona-Zeit hat sich gezeigt, wie wichtig belastbare Kontakte sind“ Eva Kähler-Theuerkauf
Eva Kähler-Theuerkauf: Während der Corona-Zeit hat sich gezeigt, wie wichtig belastbare Kontakte sind. Man tauscht Telefonnummern aus, kommt ins Gespräch und baut über die Zeit tragfähige Verbindungen auf, auf die man im Ernstfall zurückgreifen kann. Besonders hilfreich ist es, wenn man sich im Bedarfsfall auch kurzfristig und direkt austauschen kann – etwa wenn akuter Handlungsdruck besteht. Wichtig ist dabei, diese Kontakte verantwortungsvoll zu nutzen: nicht für jede Kleinigkeit, sondern dann, wenn es wirklich darauf ankommt. Wenn beispielsweise dringende pflanzenschutzrechtliche Probleme auftreten und schnelle Klärung nötig ist, zeigt sich der Wert solcher Verbindungen. Grundlage dafür ist gegenseitiges Vertrauen. Wenn beide Seiten wissen, dass Informationen vertraulich behandelt werden und fair miteinander umgegangen wird, entsteht eine belastbare Zusammenarbeit. Dieses Vertrauen wächst über die Zeit und ist letztlich entscheidend. Wo sehen Sie aktuell die größten Herausforderungen für die Betriebe? Eva Kähler-Theuerkauf: Bei den Rahmenbedingungen für die Unternehmen muss deutlich mehr passieren. Ich erlebe zunehmend, dass gut ausgebildete junge Betriebsnachfolger ernsthaft überlegen, ob sie den Betrieb überhaupt übernehmen sollen. Das halte ich für eine sehr problematische Entwicklung. Diese Menschen haben sich über Jahre darauf vorbereitet, sind in die Rolle hineingewachsen, oft wurden auch bereits erhebliche Investitionen getätigt – gerade zuletzt etwa im Energiebereich, häufig in sechsstelliger Höhe und generationenübergreifend abgestimmt. Wenn dann selbst eine grundsätzliche Unsicherheit entsteht, ob es noch sinnvoll ist, einen Betrieb weiterzuführen, zeigt das, wie tief das Vertrauen erschüttert ist. Das kann man der Politik gar nicht deutlich genug machen: Im Mittelstand und in den Familienunternehmen geht derzeit nicht nur wirtschaftliche Substanz verloren, sondern auch Vertrauen in die Zukunft. Aus meiner Sicht liegt das nicht an den Unternehmern. Die haben ihre Aufgaben erfüllt, haben investiert, sich angepasst und weiterentwickelt. Die Probleme entstehen durch äußere Rahmenbedingungen und zunehmende Unabwägbarkeiten, die durch politische Entscheidungen verstärkt werden – insbesondere durch wachsende Bürokratie. Wenn der Staat seinen Unternehmern nicht mehr zutraut, verantwortungsvoll zu handeln, wird es schwierig. Dabei tragen viele Betriebe ein enormes persönliches Risiko. Häufig steckt das gesamte Vermögen im Unternehmen – bis hin zur privaten Absicherung. Und niemand trifft bewusst Entscheidungen, die dem eigenen Betrieb schaden. Gleichzeitig verschärft sich der Wettbewerb durch unterschiedliche internationale Rahmenbedingungen. Wenn in anderen Ländern deutlich niedrigere Lohnkosten gelten und gleichzeitig ein Großteil der Verbraucher primär auf den Preis schaut, geraten die Betriebe trotz aller Anstrengungen unter Druck. Viele haben bereits investiert, automatisiert, sich zertifizieren lassen und sich intensiv mit den Anforderungen auseinandergesetzt – aber das allein reicht unter diesen Bedingungen oft nicht aus. Christin Haack: Was wir im Austausch mit den Betrieben wahrnehmen, ist, dass die Anpassung an neue Marktbedingungen mit sehr unterschiedlicher Geschwindigkeit verläuft. Größere Unternehmen haben oft mehr Spielraum, schneller zu reagieren und entsprechende Investitionen zu tätigen. Gleichzeitig sehen wir, dass die aktuellen Rahmenbedingungen gerade bei zentralen Themen wie Energie keine klare Orientierung bieten. Selbst wenn ein Unternehmer investieren könnte, fehlt häufig die Planungssicherheit: Es ist unklar, welche Technologien oder Strategien langfristig tragfähig sind. Die Folge ist, dass Investitionen zurückgestellt werden. Hinzu kommt ein weiterer Engpass: In vielen Betrieben fehlt das Personal – nicht nur in der Produktion und Dienstleistung, sondern auch in Bereichen wie Marketing oder Betriebsentwicklung. Hier spielen Quereinsteiger eine wichtige Rolle, aber auch diese Ressourcen sind begrenzt.
„Bevor ein Unternehmer in Themen wie Nachhaltigkeit oder Zertifizierung investiert, steht zunächst die Frage im Raum, ob der laufende Kostenblock überhaupt noch beherrschbar ist“ Christin Haack
Insgesamt ergibt sich eine Ausgangslage mit sehr unterschiedlichen Geschwindigkeiten. Während einige Betriebe noch investieren können, geraten andere zunehmend unter Druck. Bevor ein Unternehmer in Themen wie Nachhaltigkeit oder Zertifizierung investiert, steht zunächst die Frage im Raum, ob der laufende Kostenblock überhaupt noch beherrschbar ist. In vielen Fällen führt das dazu, dass notwendige Entwicklungen aufgeschoben werden. Das Ergebnis ist ein deutliches Auseinanderdriften innerhalb der Branche. Gerade kleinere Betriebe geraten zunehmend ins Hintertreffen – eine Entwicklung, die wir auch in aktuellen Erhebungen, etwa im Zierpflanzenbau, klar erkennen können. Eva Kähler-Theuerkauf: Und gleichzeitig haben wir den internationalen Wettbewerb. In anderen Ländern sind die Kostenstrukturen anders, insbesondere bei Löhnen. Und wenn der Verbraucher sich am Preis orientiert, dann entsteht ein erheblicher Druck. Unsere Familienbetriebe sind aber ein wichtiger Bestandteil der regionalen Wirtschaft. Sie sichern Arbeitsplätze und Wertschöpfung. Deshalb müssen wir aufpassen, dass diese Strukturen nicht verloren gehen. Wie sehen Sie den internationalen Gartenbau mit dem Wettbewerb für die Branche hierzulande? Eva Kähler-Theuerkauf: In den Niederlanden hat der Gartenbau einen ganz anderen Stellenwert als bei uns. Das ist historisch und wirtschaftlich gewachsen. Dort ist der Gartenbau ein zentraler Cluster und wird entsprechend gezielt gefördert. Dass daraus Wettbewerbsunterschiede entstehen, muss man offen ansprechen. Gerade Betriebe in Grenzregionen erleben das sehr konkret im Alltag. Aber es hilft nicht, mit dem Finger auf andere zu zeigen – die Niederlande werden ihre Strategie nicht ändern, und sie sind auch nicht dafür da, unsere Probleme zu lösen. Deshalb müssen wir den Fokus auf unsere eigenen Rahmenbedingungen legen und diese politisch adressieren. Es geht darum, klar aufzuzeigen, wo Wettbewerbsverzerrungen bestehen und wo Unterstützung notwendig ist. Dafür gibt es durchaus Ansatzpunkte. Ich habe über viele Jahre eng mit niederländischen Kollegen zusammengearbeitet und dabei oft erlebt, dass sie Entwicklungen früher umgesetzt haben, während wir noch darüber diskutiert haben. Das ist kein Vorwurf, sondern eine Feststellung. Umso wichtiger ist es, dass wir in Deutschland unsere eigenen Entscheidungen kritisch hinterfragen. Ein Beispiel ist die nationale CO2-Bepreisung, die in der aktuellen Form für viele Betriebe kaum nachvollziehbar ist. Es geht nicht darum, zu jammern, sondern den Ist-Zustand realistisch zu beschreiben und daraus Handlungsbedarf abzuleiten.
„Die IPM zeigt mit der gesamten Wertschöpfungskette die Vielfalt des Gartenbaus.“ Motiv von der Eröffnung der Leitmesse im Januar 2026.
„Die IPM zeigt mit der gesamten Wertschöpfungskette die Vielfalt des Gartenbaus.“ Motiv von der Eröffnung der Leitmesse im Januar 2026. © MESSE ESSEN
Welche Rolle spielt dabei die IPM als große internationale Plattform? Eva Kähler-Theuerkauf: Die IPM zeigt mit der gesamten Wertschöpfungskette die Vielfalt des Gartenbaus. Mir ist es deshalb sehr wichtig, dass die IPM wahrgenommen wird und wir wieder mehr Besucher dafür gewinnen. Sie ist ein zentrales Aushängeschild des deutschen Gartenbaus und hat als Weltleitmesse eine besondere Bedeutung. Wenn wir diese Plattform leichtfertig vernachlässigen, verlieren wir etwas, das sich so nicht ohne Weiteres wieder aufbauen lässt. Gerade auch im politischen Kontext – in Berlin oder Brüssel – ist die IPM ein starkes Argument: Dort lässt sich anschaulich zeigen, welche wirtschaftliche Kraft und welches Potenzial im Gartenbau steckt. Man kann sagen: Kommen Sie zur IPM und machen Sie sich selbst ein Bild. Die IPM ist weit mehr als eine Messe – sie ist ein zentrales Schaufenster unserer Branche. International genießt sie einen ausgezeichneten Ruf, der stetig weiter wächst. Umso wichtiger ist es, dass wir diesen Stellenwert auch im eigenen Land entsprechend würdigen. Schließlich sind Fachmessen auch gute Gelegenheiten für direkte Gespräche und Begegnungen. Eva Kähler-Theuerkauf: Durch Corona hat sich sicher einiges verschoben. Vielleicht haben manche Entwicklungen schon vorher begonnen, aber die Pandemie hat Formate wie Hausmessen und Vor-Ort-Veranstaltungen deutlich aufgewertet. Gleichzeitig zeigt sich aus meiner Sicht umso mehr, wie wichtig persönliche Begegnungen bleiben. Natürlich ist es praktisch, Sitzungen digital abzuhalten. Aber der direkte Austausch lässt sich dadurch nicht ersetzen. Wenn man sich gegenübersitzt, nimmt man viel mehr wahr – Zwischentöne, Reaktionen, die oft entscheidend sind. Diese Qualität der Kommunikation entsteht nur im persönlichen Kontakt.
„Am Ende geht es darum, Verlässlichkeit zu schaffen“ Eva Kähler-Theuerkauf
Und genau das ist auch im Geschäft wichtig. Vertrauen entsteht nicht im digitalen Raum allein, sondern im Miteinander. Es wächst über persönliche Begegnungen, über direkte Gespräche. Gerade in einer Zeit, in der vieles unsicher wirkt und Informationen schwer einzuordnen sind, gewinnt diese Form der unmittelbaren Begegnung noch einmal an Bedeutung. Am Ende geht es darum, Verlässlichkeit zu schaffen. Wenn man sich persönlich begegnet, entsteht eine andere Form von Vertrauen – und das ist die Grundlage für Zusammenarbeit und für funktionierende Geschäftsbeziehungen.
Zur Person
Eva Kähler-Theuerkauf
(Jahrgang 1962) engagiert sich seit 2014 ehrenamtlich für den gärtnerischen Berufsstand in Nordrhein-Westfalen. Bis 2016 war sie Vizepräsidentin des Landesverbands Gartenbau Nordrhein-Westfalen. Seit 2016 ist sie Präsidentin des größten Gartenbau-Landesverbands in Deutschland. Nach einer kaufmännischen Ausbildung war sie in verschiedenen Unternehmen in Düsseldorf, Krefeld, Neuss und Kempen tätig. Von 1993 bis Ende 2022 war sie Mitinhaberin einer Zierpflanzengärtnerei in Kempen. Seit 2024 steht Kähler-Theuerkauf auch dem Zentralverband Gartenbau (ZVG) als Präsidentin vor, nachdem sie von 2020 bis 2024 das Amt der ZVG-Vizepräsidentin innehatte. Kähler-Theuerkauf ist verheiratet und hat drei erwachsene Kinder.
Zur Person
Christin Haack
(Jahrgang 1984) ist seit 2018 Hauptgeschäftsführerin des Landesverbands Gartenbau Nordrhein-Westfalen. Nach dem zweiten juristischen Staatsexamen absolvierte die Volljuristin Stationen bei der Industrie- und Handelskammer Mittlerer Niederrhein sowie an der Ruhr-Universität Bochum. Haack ist verheiratet und hat einen Sohn.
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